Moderne Orgelmusik im Advent: Hören Sie hier die Improvisation „Morgenlicht“ von Dominik Susteck. Oktober 2023: Der erste Tag in Israel, die erste Nacht in Nazareth, mitten im Schlaf, vor der Dämmerung – ein Ruf in der Dunkelheit, intensiv, laut, hoch, oszillierend, durchdringend, unerwartet, unverständlich, fremd, faszinierend. Ein Muezzin ruft, der Ruf ertönt in der Stadt noch vor dem Sonnenaufgang. 07.10.23, keine Stunde später: Detonationen, Abschussgirlanden, Fluglärm, Schüsse und Sirenenalarm. Irgendwann danach der erste Anblick auf Jerusalem, surreal in diesem Realismus aus Traum und Wirklichkeit, wenige Stunden nach der Apparition von Licht, Wärme, purer Schönheit und Erhabenheit ist die Welt verändert. Erschüttert von Terror, Hass, Mord und Progrom. Einige Tage später finden die Aufnahmen mit Improvisationen von Dominik Susteck an der Goll-Orgel in der Liebfrauenkirche in Hamm statt. Die jeweiligen Aufnahmen sind aus dem Moment, ohne Schnitte improvisiert – auch die Glocke darf mit ihrem Stundenschlag hinein klingen und selbst ein Vogel steuert seine Gesänge bei (commemoration à Messiaen…) Die Musik Dominik Sustecks, aus dem Augenblick heraus mit sicherlich ganz anderen Assoziationen, Impressionen und Intentionen als den eigenen, hier dargestellten gespielt, sich dem Moment und dem Klang ergebend, mit dem Kairos des Augenblicks und dem Gestalten einer Idee in Verbindung mit der musikalischen Linie, mit der Phrase, dem Spannungsbogen, der musikalischen Inspiration und dem freien Ausdruck der eigenen musikalischen Sprache in idealer Weise verbunden, sie gibt einen Eindruck, wie Musik dieser Zeit idealtypisch sein kann, wie sie originär ist und verstanden werden kann. Freie, strömende Linien, dichte harmonische Strukturen, Klänge, Farben, Flächen, Dialoge, insistierende Rhythmen, fragile Tongebilde, Steigerungen, Klangaskese, Stille – alles das findet statt, atmet, spricht in einer eigenen, immanenten und stimmigen klanglichen Ausprägung. Das wird nicht zuletzt deutlich im Spannungsfeld des Zusammentreffens der tonalen Gebundenheit eines cantus-firmus und des Personalstils Sustecks, der sich deutlich von konventionellen Improvisationsmustern unterscheidet und das profunde Profil des avantgardistischen Komponisten deutlich werden lässt.
Johannes Krutmann
